Mehr Sicherheit bei mehreren Medikamenten: Worauf Patienten achten sollten
Gerade in der Erkältungszeit wächst die Medikamentenliste schnell. Zur gewohnten Dauermedikation kommen Mittel gegen Husten, Schmerzen oder Fieber hinzu. Oft ist das problemlos möglich – aber nicht jede Kombination passt zusammen, und unterschiedliche Packungen können sogar denselben Wirkstoff enthalten.
Wenn zur Dauermedikation noch etwas gegen Erkältung oder Schmerzen kommt
Im Alltag passiert das schnell: morgens die gewohnten Medikamente gegen Blutdruck, Diabetes oder eine andere chronische Erkrankung, am Nachmittag wegen Kopfweh noch ein Schmerzmittel und abends ein Kombinationspräparat gegen Erkältungsbeschwerden.
Dabei ist weniger die Zahl der Packungen entscheidend als die Frage, welche Wirkstoffe tatsächlich zusammenkommen. Auch rezeptfreie Mittel bei Erkältungsbeschwerden sollten deshalb bei einer bestehenden Dauermedikation nicht völlig unabhängig betrachtet werden.
Das gilt besonders für Kombinationspräparate. Sie enthalten häufig mehrere Wirkstoffe gleichzeitig, während der Patient zusätzlich einzelne Präparate gegen Schmerzen, Fieber oder eine verstopfte Nase verwendet.
Welche Arzneimittel sollte man nicht einfach miteinander kombinieren?
Nicht jede Wechselwirkung bedeutet ein absolutes Verbot. Manche Kombinationen sind unter ärztlicher Kontrolle durchaus notwendig. Es gibt aber einige typische Fälle, bei denen Selbstmedikation ohne vorherige Prüfung problematisch sein kann.
| Kombination | Warum problematisch? |
|---|---|
| Ibuprofen + Naproxen oder andere NSAR | Die gleichzeitige Einnahme mehrerer nichtsteroidaler Entzündungshemmer erhöht unter anderem das Risiko für Magen-Darm-Blutungen und Nierenprobleme. |
| NSAR wie Ibuprofen + Antikoagulanzien wie Warfarin oder Apixaban | Das Blutungsrisiko kann deutlich steigen. Eine solche Kombination sollte nur nach medizinischer Prüfung erfolgen. |
| Apixaban + ein weiteres Antikoagulans | Die gleichzeitige Anwendung ist grundsätzlich kontraindiziert, außer in bestimmten medizinisch gesteuerten Situationen, beispielsweise bei einer geplanten Umstellung der Antikoagulation. |
| ACE-Hemmer oder AT1-Blocker + Diuretikum + NSAR | Diese Kombination kann das Risiko einer akuten Nierenschädigung erhöhen und wird häufig als „Triple Whammy“ bezeichnet. |
| Mehrere Erkältungsmittel mit demselben Wirkstoff | Es kann unbemerkt zu einer Doppel- oder Überdosierung kommen. |
Das NHS rät beispielsweise ausdrücklich davon ab, Ibuprofen gleichzeitig mit anderen NSAR wie Naproxen oder Aspirin als Schmerzmittel einzunehmen, weil dadurch das Risiko schwerer Nebenwirkungen steigt. Auch NSAR zusammen mit Antikoagulanzien, bestimmten Antidepressiva, Steroiden oder Blutdruckmedikamenten erfordern besondere Vorsicht.
Blutverdünner und Schmerzmittel sind ein besonders wichtiger Fall
Wer ein gerinnungshemmendes Arzneimittel einnimmt, sollte ein zusätzliches entzündungshemmendes Schmerzmittel nicht einfach nach Gewohnheit verwenden.
Für Apixaban weist das BfArM ausdrücklich darauf hin, dass NSAR einschließlich Acetylsalicylsäure sowie Thrombozytenaggregationshemmer das Blutungsrisiko erhöhen können. Die gleichzeitige Anwendung mit anderen Antikoagulanzien ist – abgesehen von bestimmten medizinisch kontrollierten Ausnahmen – kontraindiziert.
Unterschiedliche Produktnamen können denselben Wirkstoff verbergen
Gerade bei Erkältungspräparaten ist das leicht zu übersehen. Ein Kombinationsmittel kann bereits einen schmerzstillenden oder fiebersenkenden Bestandteil enthalten. Wird später noch ein Einzelpräparat mit demselben Wirkstoff eingenommen, entsteht eine unbeabsichtigte Doppelmedikation.
Das gilt auch dann, wenn die Packungen völlig unterschiedlich aussehen oder aus verschiedenen Produktgruppen stammen.
Bei mehreren chronischen Erkrankungen steigt die Bedeutung der Prüfung
Mehrere Arzneimittel gleichzeitig einzunehmen ist nicht automatisch falsch. Wer beispielsweise Diabetes, Bluthochdruck und eine Herz-Kreislauf-Erkrankung behandelt, kann medizinisch durchaus mehrere Wirkstoffe benötigen.
Mit jeder zusätzlichen Therapie steigt jedoch die Zahl möglicher Wechselwirkungen. Besonders relevant wird das, wenn kurzfristig noch Schmerzmittel oder Erkältungspräparate dazukommen.
Ein Beispiel: Blutdruckmittel, Entwässerungstablette und Ibuprofen
Eine bekannte Risikokonstellation besteht aus einem ACE-Hemmer oder AT1-Blocker, einem Diuretikum und einem NSAR wie Ibuprofen. Diese Kombination kann die Nierendurchblutung ungünstig beeinflussen und das Risiko für eine akute Nierenschädigung erhöhen.
Die WHO führt genau diese Kombination in ihrem Bericht zur Arzneimittelsicherheit bei Polypharmazie als relevantes Sicherheitsproblem auf.
Gerade ältere Menschen oder Patienten mit bereits eingeschränkter Nierenfunktion sollten deshalb zusätzliche entzündungshemmende Schmerzmittel nicht unkritisch verwenden.
Was sollte auf einer aktuellen Medikamentenliste stehen?
Niemand muss alle möglichen Wechselwirkungen auswendig kennen. Viel hilfreicher ist eine vollständige und aktuelle Übersicht über die tatsächlich verwendeten Präparate.
- Name oder Wirkstoff
- Wirkstärke
- Dosierung
- Einnahmezeit oder Einnahmehäufigkeit
- Hinweis, ob das Medikament regelmäßig oder nur bei Bedarf verwendet wird
- rezeptfreie Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel
Eine solche Liste ist besonders wertvoll, wenn mehrere Ärzte Medikamente verordnen oder sich die Therapie innerhalb kurzer Zeit verändert hat.
Wann lohnt sich eine Rückfrage in der Apotheke oder beim Arzt?
Eine Prüfung ist besonders sinnvoll, wenn ein neues Medikament hinzukommt, die Dosierung verändert wurde oder mehrere Präparate gegen dasselbe Symptom verwendet werden sollen.
Auch neue Beschwerden nach einer Therapieänderung verdienen Aufmerksamkeit. Schwindel, Müdigkeit, Magenbeschwerden oder Hautreaktionen können viele Ursachen haben. Ein zeitlicher Zusammenhang allein beweist noch keine Nebenwirkung, sollte aber auch nicht ignoriert werden.
Die WHO zählt die Sicherheit bei Polypharmazie zu den zentralen Bereichen ihrer Initiative „Medication Without Harm“. Ziel ist dabei nicht, notwendige Medikamente möglichst stark zu reduzieren, sondern ihre Anwendung systematisch sicherer zu machen.
Quellen
World Health Organization – Medication Safety in Polypharmacy
WHO-Bericht zur sicheren Arzneimitteltherapie bei gleichzeitiger Anwendung mehrerer Medikamente, einschließlich typischer Risikokombinationen.
BfArM – Sicherheitsinformationen zu Apixaban und Arzneimittelwechselwirkungen
Offizielle Informationen zu Blutungsrisiken und relevanten Kombinationen mit Antikoagulanzien, NSAR und Thrombozytenaggregationshemmern.
Die Informationen dienen der allgemeinen gesundheitlichen Aufklärung und ersetzen keine individuelle medizinische Beratung. Wechselwirkungen hängen von Wirkstoff, Dosierung, Vorerkrankungen und der gesamten Medikation ab. Medikamente sollten nicht eigenständig abgesetzt, neu kombiniert oder in der Dosierung verändert werden; bei Unsicherheit sollte ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.
